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Basis-Zahnmedizin im afrikanischen Busch - Notizen aus Namibia

Juni 1997

Dr. Steffen Wander

Die Initiatorin von Afrodent e.V., Dr. Ingrid Schuster, hatte mich 1997 bei einem Aschermittwochsessen auf die Missionsstationen Dornfeld und Aminuis in Namibia aufmerksam gemacht. Dort sollte das Behandlungsgerät der Zahnstation repariert und 1.600 schwarze Farmerkinder betreut werden. Und so kam es, dass meine Frau und ich wenige Monate später nachts von dem Leiter der Missionsstation, Pater Dr. Pöllitzer, und Schwester Domenika am Flughafen Windhoek abgeholt wurden.

Nach 200 km Asphalt- und Schotterpiste in Richtung Osten, wurden wir in Dornfeld von den afrikanischen Schwestern mit einem mitternächtlichen Lied und einem Imbiss empfangen. Wenig später suchten wir unser Wohnquartier „das Paradies“ auf - Decken waren reichlich vorhanden, denn es herrschten nachts Minustemperaturen - aber keine Heizung.

Der erste Tag, Freitag 30. Mai 1997:
Um 8 Uhr wurden wir durch das Gekicher und Pala-ver von zwei kaffekochenden, afrikanischen Mitbe-wohnerinnen geweckt. Bis zur Mittagspause versuch-te ich das luftgetriebene amerikanische Unit in Gang zu bringen. Verzweifelt suchte ich das Spezialwerk-zeug, um den Deckel vom Schwebetisch zu öffnen aus dem das Wasser herausplätscherte. Es fand sich nach Stunden zufällig zwischen dem umgedrehten Deckel und dem Schachtelboden der Hand- und Winkelstücke.

Da das Gerät noch nicht einsatzbereit war nahm ich zunächst nur Untersuchungen und einige einfache Extraktionen und Zahnsteinentfernungen vor. Ich saß dazu breitbeinig auf einem Hocker und Kind um Kind stellte sich artig mit weit geöffne-tem Mund vor mich hin. Die Untersuchung erfolgte mit einem batteriebetriebenen Leucht-Mundspiegel und Sonde.

Bis Sonntagmittag waren alle Kinder untersucht. Am angenehmsten fielen die etwa 200 Buschleute- Kinder (San) auf. Sie stellten sich voller Gehorsam und Zuversicht vor mich hin und öffneten artig den Mund, so als ob sie die Sonne weit in sich hinein-scheinen lassen wollten. Einige Kinder erschraken allerdings ganz fürchterlich vor dem blitzenden Mundspiegel. Sie wichen mit einem spitzen Schrei zurück und rannten dann unter dem Gekicher der anderen aus dem Behandlungszimmer. Nach der Untersuchung bekam jedes Kind einen Luftballon als Belohnung. Als diese ausgegeben waren, verteilten wir Plastikmundspiegel. Sonntagnachmittag hatten wir frei und bummelten über das Gelände von Dornfeld. Die humorigen, kunstvollen Fassadenmalereien beein-druckten uns sehr.

Der Montagmorgen zerrann wiederum mit Fehlersuche und Reparaturen in der Zahnstation. Am Nachmittag ging’s endlich los mit Zahnfüllungen und größeren Zahnextraktionen. Zum Vernähen fehlte allerdings ein Nadelhalter und so musste eine Lüer Zange herhalten, die ich vorsorglich aus meinen eigenen Beständen mitgebracht hatte. Älteren Kindern mit kariösen Zähnen händigten wir Elmex-Gelee mit besondern Hinweisen zur Benutzung aus. Die kleinen Kinder waren beim Bohren mucksmäuschen still und alles ging ohne Lokalanästhesie vonstatten. Welch eine Freude solche Kinder zu behandeln.

Wenn nur nicht dieser Höllenlärm vom Ersatzkom-pressor gewesen wäre. Er knatterte ununterbrochen wie eine Dreschmaschine aus den 50-er Jahren. Bei erreichen von sechs Atm Betriebsdruck, schaltete er sich nicht etwa ab, sondern es öffnete sich das Über-druckventil mit einem Riesenknall und so musste ich, auf dem linken Bein balancierend, den Schalter mit dem rechten Fuß rechtzeitig umlegen, bevor es knallte. Außerdem war die Absauganlage immer noch defekt.

Dienstagnachmittag wischte ich wieder Mal die große Pfütze unter meinen Füßen auf, als mir die assistierende Erzieherin Delilah bedeutete wieder Hand-schuhe anzuziehen, denn die nächste junge Patientin habe nämlich "Tipie" (Tb). Beim Abendessen klärte uns Michael, ein amerikanischer Praktikant, darüber auf, dass Tb sicher eine Umschreibung für Aids sei. Da war es also, das Problem vor dem wir von Anfang an Angst hatten. Pater Pöllitzer versicherte uns jedoch später (beleidigt) in einem Brief, dass alle Kinder vor Schulbeginn ärztlich untersucht würden, es sich also nur um Tuberkulose und nicht um Aids gehandelt haben könnte! Na, ,ja ?!  Sein Wort in Gottes Ohr - dachten wir uns, beim lesen.

Am Mittwoch fuhren wir mit dem Dornfelder Toyota-Pickup, beladen mit Äpfeln, roten Rüben und Kartoffeln in die kleinere, südlichere Missionsstation Aminuis, wo 400 Kinder untersucht werden mussten. Mit von der Partie war die Transcare-Koffer-Behandlungseinheit, eine Reisetasche voller zahnärztlicher Instrumente und Kleingeräte.  Es war eine wunderbare Fahrt über 200 Kilometer namibischer Waschbrettstraße , mit weiten Ausblicken in die afrikanische Landschaft. Aminuis, mit Kirchturm und Dorfcharakter, liegt auf einer Anhöhe über einem Salzsee. Im Frühjahr hatte es hier viel geregnet, so dass die Eltern, bis zu den Hüften im Was-ser watend, ihre Kinder zur Schule hatten bringen müssen. Nach dem Mittagessen untersuchten wir in einem großen, hellen Saal alle Kinder. Der ganze Schulbetrieb war abgestimmt auf das eintägige Ereignis „der Zahnarzt kommt“.

Am Donnerstagvormittag wurde die Schulbibliothek zum Behandlungsraum umfunktioniert. Mit dem Satelec-Transcare wurde Zahnstein entfernt oder Zähne ausgebohrt. Die Leiterin der Missionsstation hielt den Kopf der Kinder und als Füllmaterial verwendete ich lichthärtendes Dyract mit Applikationsspritze. Die Extraktion eines teilretinierten oberen Weisheitszahnes kostete Schwester Ans-gardis und mich 30 Minuten schweißtreibender Geduld. Kein Wunder! Dieser Zahn hatte drei divergierende Wurzeln, wie die Zipfel einer Kölner Narrenkappe.

Im Vorjahr war hier erstmals von Kaufbeurer Kollegen durch Zahnextraktionen steuernd in den Zahnwechsel eingegriffen worden. Dennoch standen bei einigen Kindern die Zähne wie bei Haifischen in Dreierreihen hintereinander. Derart kras-se Zahnwechselstörungen waren in Dornfeld nicht mehr zu sehen gewesen, da dort schon seit Jahren kiefer-orthopädisch begründete Extraktionen vorgenommen wurden.

Zurück in Dornfeld, konnten wir die letzten drei Tage, endlich mit Absauganlage arbeiten. Der Hauselektriker hatte sie zwischenzeitlich repariert. Dafür löste sich auf einmal die Arbeitsleuchte vom Schwenkarm und baumelte an den Kabeln über dem kleinen Patienten. Mit einer Extraktionszange konnte sie wieder angeschraubt werden. Mit der selben Zange bekam ich auch den Schlauchanschluss des Zahnsteinentfernungs-Gerätes dicht, sodass mir nicht mehr dauernd das Kühlwasser in den Ärmel spritzte.

Ein Behandlungsfall hatte uns besondere Freude gemacht:  Ein junger Mann hat-te sich einen unteren Schneidezahn abgebrochen. In die endodontisch versorgte Wurzel klebte ich zunächst mit Glasionomerzement das schartige, hoffentlich nichttrostende, Arbeitsende einer Lindemannfräse ein. Aus einem gerade noch knetbaren, (hitze-) überlagerten Kompositrest und Adhäsiv mischte ich mir eine pastenartige Masse zusammen, welche ich mit Säureätztechnik dann um die Lindemannfräse herum zu einem Zahn aufbaute. Nun konnte Alex wieder lachen.

Sonntagabend und Montagmorgen galten Sortier- und Verpackungsarbeiten. Listen wurden geschrieben, Behälter beschriftet, Gebrauchsanweisungen erstellt. Die hitzeempfindlichen Materialien wurden extra verpackt, um sie von nunan in der Kühlanlage der Schwesternkantine einzulagern. Die Speiseeis-Behälter mit Deckel, welche uns Schwester Elisabeth schon am ersten Arbeitstag schweren Herzens nur „geborgt“ hatte, gingen nun endgültig in den Besitz der Zahnstation über. Endlich gibt es genügend Behälter, um alle Instrumente staubfrei in den Schubkästen eines Schreibtischcontainers zu lagern.

Schwester Domenika hatte von uns erfahren,

dass wir durch die Ausgabe von Zahnhygienearti-

keln das Thema Prophylaxe eingebracht hatten, und so bat sie mich, einen Vortrag vor den Erzie-hern zu halten. Mit holperigem Englisch, aber umso verständlicheren Kreidezeichnungen an der Schul-tafel, hatte ich aufgezeigt, wie der Countdown des Gebisses verhindert werden kann, und welche Rolle hierbei die Ernährung, der Speichel und die Mundhygiene spielen.

Den Montagnachmittag konnten wir endlich mal in der „Westernstadt“ Gobabis verbringen. Nach dem Abendessen in Dornfeld wurden wir in den Speisesaal gebeten, wo uns alle Kinder verabschiedeten. Zwei Jugendliche überreichten uns ganz liebe Abschiedsgeschenke und ein mehrstimmiger Gesang aus tausend Kinderkehlen brachte uns vor lauter Rührung fast aus der Fassung. Als ich nach meinen Abschiedsworten den Heimleiter Sylvester umarmte, tobte der Saal.


Zahnärztlicher Charity-Job in Namibia
vom 29. März bis 10. April 2009



Meine Frau Christel und ich waren schon 1997 in den R.C. Missionsschulen von Dornfeld und Aminuis tätig. Dieses Jahr war noch Jacky Rodrigues, aus meiner früheren Praxis, als Dental Hygenist mit von der Partie, um endlich mal dem vielen Zahnstein bei den Kindern Herr zu werden! Und das war auch gut so, denn dieses mal sollte auch Epukiro mitversorgt werden – zusammen ca. 1800 Kinder! Wir hatten von Herrn Sonnenberg (Fa. DTS-Design) ein kleines, transportables Piezo-Classic Zahnstein-Entfernungs-Gerät (ZEG) spendiert bekommen – und das war ein großer Glücksfall, denn die neue Fona A1 Behandlungseinheit (Spende von Sirona) in Dornfeld ist nicht mit einem ZEG bestückt. Die transportable Transcare Max Dentaleinheit von Satelec, die dem Afrodent-Verein schon seit eineinhalb Jahrzehnten zur Verfügung stand, für die kleinen Missionsstationen Aminuis und Epukiro, war von Herrn Sonnenberg nach meinen Wünschen modi-fiziert und optimiert worden. So gibt es nun größere und leichtere Plastikdruckbe-hälter für Spraywasser und Absaugung und eine externe Entlüftung, sodass keine Korrosionsschäden mehr zu befürchten sind. Für die Behandlungen in Aminuis und Epukiro hatte ich eine Nackenstütze aus den Teilen eines Fahrradgepäck-trägers und eines Rollstuhls angefertigt. Diese kann auf jede Rückenlehne auf-gesteckt werden.
Air Berlin hatte uns kostenfreien Transport für die 30 kg dentalmedizinische Alu-Kiste zugesagt.

Die vom namibischen Gesundheitsministerium seit einigen Jahren angeforderten Nachweise der Approbation (Zahnärztekammer), der Englischkenntnisse (Schuldirektion), des „good standing“ (Regierung von Oberbayern), das polizeiliche Führungszeugnis (Wohnort), der Nachweis einer langjährigen Berufserfahrung (selbstverfasste Erklärung) waren ins Englische übersetzt und beglaubigt worden und bereits mit dem Postweg unterwegs nach Windhoek zum Roman Catholic Health Service. Diese Organisation wollte sich um die Arbeitserlaubnis kümmern: „Fahren Sie schon mal los, wir besorgen Ihnen derweil das Permit“, hieß es. Auf dem hochoffiziellen, direkten Weg übers Ministerium könnte das ein halbes Jahr dauern – wenn überhaupt ...


Der Abflug ( Freitag, 27. März, 20.20 Uhr ) mit Air Berlin in München verzögerte sich um ganze 21 Stunden. Der Airbus war defekt. Übernachtung im Kempinski, nachdem wir alle 4 Stunden vertröstet wurden. Ankunft in Windhoek, ziemlich erschöpft, am Sonntagmorgen, um 4.30 Uhr. Keine Zollformalitäten, da die Zollbeamten (und die Geldwechsler) seit 12 Stunden auf die Maschine gewartet hatten und nach Hause wollten. Respekt: so ist eben Afrika! Seit 12 Stunden warteten auch zwei Angestellte unserer ersten Einsatzstelle, um uns nach Dornfeld zu den 1080 Kindern zu bringen, wo wir sofort nach dem Frühstück die Zahnstation einsatzfähig machten, um nach dem Mittagessen mit den Untersuchungen beginnen zu können.


Das mitgebrachte EG-Gerät war eilends auf dem Schwebetisch des neuen Fona A1-Gerätes installiert. Die Wasserzufuhr erfolgte mit Hilfe eines Infusions-besteckes und einer Plastik-(Cola-)Flasche, die am Schwenkarm der Operationsleuchte mit Tesatextilband angeklebt worden war. Bereits 2007 hatte das Kollegenpaar Fischer aus Kleve einen Dampfsterilisator mitgebracht und letztes Jahr die Zahnärzte Wesselborg & Schlegel aus Köln, einen Destillierapparat, sodass wir glücklicherweise einen Kanister mit destilliertem Wasser vorfanden, welches wir sofort für das ZEG-Gerät verwenden konnten.


Ich saß im Vorraum mit Stirnlampe ausge rüstet, breitbeinig auf einem Stuhl sitzend, daneben unsere große Transportkiste, als Ablage für die Plastikboxen voller Spiegel und Sonden. Die Kinder knieten sich auf die von Air-Berlin mitgebrachte Decken-rolle nieder. Sie stützten sich manchmal mit ihren Händen oder Ellbogen voll Vertrauen auf meinen Knien ab, um sich in den Mund schauen zu lassen. Christel gab als Belohnung die mitgebrachten Luftballons aus, führte Statistik und schrieb Namenslisten für die Wieder-bestellungen und farbige Zettel für: ZahnSTein, Füllung oder eXtrahieren. Mühsam war es für sie, die für unsere Ohren ungewohnten Nachnamen zu notie-ren, denn die „Selbstschreiber“ schrieben in der Regel nur ihre Vornamen auf und die lauteten dann: Adelheid, Emma, Naftalia, Sieglinde oder Albert, Eduard, Inno-cent und Siegfried. Die Hausmutter (Matrone genannt) hakte zusätzlich auf der Schülerliste die Kinder an, die wieder kommen mussten.

Die einfachen Zahnsteinbehandlungen wurden gleich an Jacky delegiert, die sich im Behandlungsraum bald die Finger abbrach mit Zahnsteinentfernungen, nach Fließband-Manier. Fürs Erste“ waren das schon mal ca. fünfzig Zahnstein-Behandlungen.
Interessanterweise waren wieder, wie vor 12 Jahren, meist die vier Sechsjahrmolaren lingual und die unteren Frontzähne labial massiv betroffen. Diese subgingivalen Konkremente (schwarzer, unter dem Zahnfleisch wachsender Zahnstein) entstehen ganz offensichtlich in der frühen Zahnwechselphase, wenn es dabei zu Blutungen gekommen war. Demnach müssen sie schon seit vielen Jahren bestanden haben.
An den ersten beiden Tagen (29. und 30. März) wurden also durchschnittlich 60 Kinder pro Stunde gecheckt. Dieses Untersuchungstempo ist insofern unproblematisch, da die Gebisse zu 85 % kariesfrei sind und es de facto keine Approximalkaries gibt (Kontaktkaries zwischen den Zähnen).

Allerdings muß das Team gut zusammenarbeiten. Die Kinder müssen in Reihe anstehen und zügig zur Untersuchung Platz nehmen. Dabei gab es natürlich auch lustige Momente, z.B. als ich mich (in Aminuis) aus Spaß auf meinen Stuhl stellte um einem besonders großen Kerl in den Mund schauen zu können. Aber anstren-gend war es trotzdem, sodass wir, wie an den folgenden 10-Stundentagen jeden Abend erschöpft zu Bett gingen.


In der Mittagspause vom 30. März wollten wir eine Leckage der neuen Dentalein-heit beseitigen, was leider missglückte, wegen eines Materialfehlers der zuführen-den Luft- und Wasser-Schläuche für das Sprayhandstück auf der Zahnbehand-lerseite. So verknoteten wir einfach die Schläuche und so konnte zumindest der Auffangeimer unter dem tropfenden Schwebetisch wieder entfernt werden.

Von Dienstag, 31. März. bis Samstag, 4. April mittags wurden in Dornfeld 140 Kinder zur Kariesbehandlung und 25 aus kieferorthopädischer Vorsorge zur Zahnextraktion einbestellt, sowie weite-re zwölf für ästhetische Zahnrestau-rationenen oder zur Vergrößerung von angeborenen Zapfenzähnen. Für die Entfernung von massiverem Zahnstein oder subgingivaler Konkremente wur-den 90 Kinder behandelt. Hierzu erwies sich das zweite ZEG im Transcarekoffer als sehr hilfreich. Sowohl Jacky, als auch Christel bemühten sich diesen Kindern die Grundzüge der Reinigung mit einer Zahnbürste zu vermitteln.

Am Abend des 31. März musste der dicke Absaugschlauch im Anschlußkasten neu verlegt werden, da er geknickt war und sich selbst immer zusammenzog. Als diese Arbeit endlich erledigt war brach auch noch der Absperrhahn für die Wasserzufuhr auseinander und es dauerte fast eine halbe Stunde bis jemand zur Stelle war, der den im Sande vergrabenen Hauptabsperrhahn gefunden hatte. In der Zwischenzeit schaufelten wir wie verrückt etwa 20 Eimer voll Wasser aus dem Fenster hinaus, da das neue, teure Dentalgerät abzusaufen drohte.

In der Mittagspause vom 3. April gönnten wir uns 20 Minuten am „Theatron“, einem Halbrund mit Sichtschutzwänden und Swimmingpool. Sehr geeignet auch zum Wäsche aufhängen. Am Abend des selben Tages hatten wir endlich auch Muße, mit den Schwestern den Feierabend zu verbringen und Ihnen die Rohversion unseres selbstgefertigten, auf afrikanische Kinder abgestimmten Videoclips über Prophylaxe vorzustellen. Bei der nachfolgenden Diskussion sammelten wir die Informationen ein, wie es noch überarbeitet werden müsste, um es an die Missionsschulen verteilen zu können, in der Hoffnung, dass es dann auch in Epukiro einen DVD-Recorder gibt.

Am 4. April hielten wir noch eine Vormittagssprechstunde ab, sterilisierten während der Mittagspause das Instrumentarium und bereiteten die Gerätschaften für die nächste Aufgabe vor. Nach einer kleinen Kaffepause im idyllischen Schwestern-garten fuhr uns Bruder John über 150 km Schotterpiste nach Epukiro, wo wir spätnachmittags ankamen und den 83-jährigen, rheinländisch-humorvollen Pater Volk kennenlernten. Epukiro, ein größeres Dorf (oder Städtchen) liegt in leicht hügeligem Savannengelände.


Das Schulgelände ist von vielen kleinen, zum Teil sehr gepflegten ebenerdigen Häusern mit Gemüsebeeten und Blumen rabatten umgeben. Es gibt auch ein kleines ebenerdiges
Krankenhaus. Gleich nach Ankunft und Imbiß improvisierten wir mit Hilfe des Transcare-Dental-Gerätes eine Zahnstation.



Etwa 180 Kinder erwarteten uns schon, in Gruppen im Sand sitzend und waren gespannt auf das Untersuchungszeremoniell. Die Eigenbaunacken-stütze erwies sich als nützlich, aber verbesserungs-bedürftig. In Epukiro gibt es leider kein „Hostel“ (Internat). Alle Kinder wohnen bei ihren Eltern, was deutlich am Hygienezustand der Zähne zu sehen ist. Die Frage ist, wie man künftig an alle Schulkinder zur Mundhygieneaufklärung herankommen könnte.

Der Folgetag, 5. April, war Palmsonntag und wir besuchten erst die großartige Liturgie. Wegen der Winterzeit waren die Uhren offiziell bereits umgestellt. Nicht so aber in Epukiro! So gewannen wir eine zusätzliche Stunde zum Arbeiten, denn die Umstellung wurde erst für die Nacht von Sonntag auf Montag vollzogen, um die Kinder nicht aus dem Trott zu bringen.
Die Nachmittagsbehandlung wurde zu einem großen Ärgernis, denn keine Schwester, kein Lehrer und keine Schülerliste stand uns zur Verfügung und so wurde behandelt wer kam, unabhängig davon woher. Das wirkliche Durcheinander wurde uns erst bewusst, als zum wiederholten Male Kinder den Mund aufmachten und wir uns sagten: „verflixt, dieses Gebiss kennen wir doch schon“. Die Kinder wollten einfach nochmals einen Luftballon geschenkt bekommen. Ziemlich verärgert darüber, so allein gelassen zu werden machte ich mich auf die Suche nach irgendeiner Schwester. Vergeblich! Pater Volk rettete uns dann aus der misslichen Lage. Allerdings hatte er, trotz einer kleinen Gerte in der Hand, ziemlich Mühe die wilde Horde vor der „Zahnstation“ in einen disziplinierten Haufen zu verwandeln.
Als wir dann gegen 17.30 Uhr unsere Arbeit beendet hatten und die Gerätschaften für den Montagmorgen versorgten, tauchte plötzlich die Prinzipalin, die Schulleite-rin auf, um ihr Kind (und auch sich selber?) behandeln zulassen. Angeblich hatte sie nicht gewusst, dass wir uns zum „dental work“ in Epukiro aufhielten. Sie hätte uns zwar in der Kirche gesehen, sagte sie, aber für Touristen gehalten. Dies hat uns sehr, sehr befremdet, zumal Pater Volk am Ende der Messe die Kirchgänger auf uns und unseren „charity job“ aufmerksam gemacht und dafür gedankt hatte und einige Kirchgänger beim Verlassen der Kirche uns noch dankend die Hände geschüttelt hatten. Uns wunderte nun nicht mehr, weshalb in Epukiro nur die Hälfte der eingeschulten Kinder zu uns gekommen war.

Die Abende verbrachten wir mit Pater Volk und Bruder John bei einigen Flaschen Bier, (den Schwestern sei Dank!) im Fernsehraum mit Animal Planet und NBC-Nachrichten.

Am Montagvormittag, 6. April, behandelten wir noch einige Kinder und verbrachten die Mittagspause am wenig einladenden, mit toten Insekten übersäten Pool und einem Spaziergang durch das Dorf. Inzwischen hatte Bruder John zwar seine Kühe wieder eingefangen, aber immer noch keinen reparierten Traktorreifen und so fuhren wir mit ihm und Pater Volk erst nachmittags wieder nach Dornfeld zurück. Unterwegs konnten wir eine extrem langsam über die sandige Piste schleichende Cobra aus allernächster Nähe beobachten. Im Gras angekommen, wurde sie dann sehr, sehr schnell. Das hatte Bruder John uns aber schon vorausgesagt.





Abschied von Epukiro

 

 


Am Vormittag, des 7. April, nahmen wir in Dornfeld noch einige Kontrollen und Restbehandlungen vor. Anschließend wieder Reinigung und Sterilisation des Instrumentariums mit Überprüfung und Verpackung der Gerätschaften für die nächste Aktion. Dann ein kurzes Mittagessen. Schwester Ansgardis, unverändert frisch, wie vor 12 Jahren, erwartete uns schon für die 200 km lange Pisten-Fahrt zu ihrer Missionsstation. Als wir schon abfahrbereit waren, wurden wir nochmals aus dem Auto gebeten, um in den Speisesaal zu kommen. Dort empfing uns dann ein tausendstimmiger Chor, als Dank für unser Engagement, und wieder flossen Tränen, wie damals. Für jeden gabs noch ein kleines Abschiedsgeschenk und von mir, auf einem Stuhl stehend, mit einem Kloß im Hals, noch ein paar Dankesworte für den Abschiedsgesang. Dann tosendes Kindergejubel und eine Umarmung meinerseits von Schwester Lucia. Dann wurden wir von einer tanzenden Mädchenschar zum Auto begleitet – und ab ging es nach:

Aminuis. Dort angekommen richteten wir sofort das Behandlungszimmer ein:


Transcarekoffer auf dem Kühlschrank, das Instrumen-tarium auf einem mit Plastikfolie überzogenen Bett. Die Untesuchungen gingen hier äußerst flott voran, da Jacky wegen des guten Hygiene-und Gebißzustandes der Kinder einige Vorunter-suchungen vornehmen konnte. Auch hier in Aminuis zeigte sich wie in Dornfeld, dass ganze Klassenverbände mit extrem gepflegten Gebis-sen aufwarteten und dann wieder Gruppen von einem Dutzend Kinder dabei waren, deren Mundhygiene zu wünschen übrig ließ. Für Epukiro können wir leider keine Aussagen treffen, da der Ablauf der Untersuchungen nicht klassenweise verlaufen war.
Am Mittwochvormittag, dem 8. April, wurde Jacky Bettruhe verordnet und so konnte sie antibiotisch vollgepumpt, endlich ihre seit vielen Tagen mitgeschleppte Kieferhöhlenentzündung ausheilen.
Trotz der umständlicheren Arbeitsweise mit dem Transcarekoffer konnte ich hier in Aminuis, wie schon 12 Jahre zuvor, mit meiner Frau und einer Matrone die Untersuchungen und Behandlungen ziemlich streßfrei durchführen. Das angenehme Umfeld dieser kleineren Station, und dass die Kinder genauso diszipliniert waren, wie damals, machte uns die Arbeit leicht.
Am 9. April, Gründonnerstag-Mittag war die Arbeit getan. Schwester Ansgardis zeigte uns zu Recht wieder voller Stolz die schöne Anlage, die Schulräume, die sanitären Einrichtungen und die wunderbare Trinkwasseraufbereitungs-und Verteilungsanlage, die das Herz eines jeden deutschen Handwerkers höher schlagen lässt. Dem gemeinnützigen Verein: „Wasser-fuer-Gobabis“ gebührt der Dank und der große Respekt für diese sensationelle Einrichtung, die in ähnlicher Weise auch in Dornfeld bestehen soll. Leider hatten wir jene nicht besichtigen können. Die Dankbarkeit der letzten beiden weißen Schwestern für die großen Hilfen aus Deutschland, ist in Aminuis ganz besonders spürbar. Schwester Ansgardis machte am späten Nachmittag noch eine Rundfahrt mit uns durch Aminuis, nachdem Jacky und ich versucht hatten auf dem herrlich silbrig-weiß schimmernden ausgetrockneten Salzsee etwas Salz zu ernten. Die Salzschicht erwies sich jedoch als nur etwa einen Millimeter dick. Keine Chance also das Salz, ohne den darunter liegenden, vertrockneten Schlamm zu ernten. Statt dessen schenkte Schwester Jutta jedem von uns ein Fläschen verschiedenfarbigen Namib-Wüstensandes.

Donnerstagnachmittag wurden bereits viele Kinder zum verlängerten Osterwochenende in Pickups zu den Eltern gebracht. Nach dem Abendessen wurden wir in die Dunkelheit vor den Kirchplatz hinausgebeten, wo uns eine Truppe von 50, 60 Kindern eine atemberaubende Gesangs-und Tanzdarbietung lieferte. Die Stimmung war umwerfend:


Dunkelheit, nur die schwach beleuchtete, gelbe Kirchenwand, Staub, aufgewirbelt von stampfenden Füßen. Wir waren zu Tränen gerührt! Wenn afrikanische Kinder ungehemmt ihren mehrstimmigen, rhythmischen Gesang anstimmen, bleibt kein Auge trocken!

Danach saßen wir wieder mit den Schwestern zusammen. Wir bekamen unsere Bierchen und Schwester Jutta strickte, wie jeden Abend, wunderbare, bunte Kinderpullover, die sie den Kindern in den Ferien aber niemals mit nach Hause gibt, weil diese sonst von der Familie "einbehalten" werden.
Am Karfreitagmorgen, 10. April, brachte uns Schwester Ansgardis wieder nach Dornfeld, wo wir noch einige, wenige Patienten behandelten. Die Mittagszeit verbrachten wir dann mit Sterilisieren, Ausmisten, Archivieren, Listen schreiben und Einpacken, um nachmittags zu unserem Hotel Monika nach Windhoek gebracht zu werden, wo wir ab Samstag mit einem „Double Cab mit 2 Dachzelten“ noch ein wenig Namibia erkunden wollten – aber das ist eine andere Geschichte!

Behandlungsstatistik


Die insgesamt 15 Erwachsenenbehandlungen sind in nachfolgender Statistik subsummiert.

  Dornfeld Epukiro Aminuis
Untersuchungen:
1080
250
536
Zahnsteinentfernungen:
140
15

41

Kariesbehandlungen:
220
45
30
Ästhetikbehandlungen:
12
1
2




In eigener Sache:

Afrodent e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, getragen von z. Zt. 12 Mitgliedern.
Unser Bemühen ist es alljährlich ein Zahnarztteam zu obengenannten drei Missionsstationen zu schicken. Aufgrund der unbedeutenden Mitgliederzahl
sind wir auf Spendengelder und Sachspenden der Dentalindustrie und des Dentalhandels angewiesen.


An dieser Stelle möchte ich ganz besonders danken und hervorheben:

Fa. Sirona für die Übersendung einer kompletten, luftgetriebenen, wartungsfreundlichen Dentaleinheit nach Dornfeld, initiiert durch den Kollegen Dr. Joachim Fischer, organisiert durch Herrn Thomas Nack (Sirona), gratis installiert durch die Fa. Genmed in Windhoek (Mr. Barnard).

Fa. DTS-Design in Mammendorf (Herr Sonnenberg) für das tragbare Zahnsteinentfernungsgerät und die nützlichen Tipps, wie der Wasserzuführung mittels Infusionsbesteck und Colaflasche.

Fa. VOCO für die großzügige Übersendung von Composit-Füllungsmaterial

Fa. FUTURA-DENT für die gewünschte Anzahl von Handschuhen. Mehr wären sinnlos gewesen, da sie in der Hitze „dort unten“ nur porös würden.

Fa. IHDE für die phantastischen Selbstentwicklungs-Röntgenfilme, sowie

Herrn Josef Rau, ROSEN-APOTHEKE in 82335 Berg für die großzügige Medikamentenspende

Kollegin Astrid Kühne, Zahnarztpraxis im Flughafen München, die uns ohne große Umstände, noch kurz vor Abflug Bondingmaterial für Füllungen überlassen hatte. Dies hatte ich vergessen rechtzeitig zu besorgen

and last but not least:

Ein ganz besonderer Dank gilt "Sila" der neunährigen Tochter unserer griechisch-türkischen Reinemachefrau, die, als sie von unserem Projekt hörte, Geld in ihrer Schulklasse sammelte um uns 20 Zahnbürsten mitzugeben.


23. Juni 2009        Dr. Steffen Wander

                          &  Christel Lüge-Wander

                          &  Jacqueline Rodrigues

 

 


 

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